Samstag, 30. Januar 2016

HACH!!! Botticelli

Mein Lieblings-Kulturort in Berlin ist die leider und meiner Ansicht nach zu Unrecht umstrittene Gemäldegalerie. Ich finde das Haus absolut gelungen, um die wundervollen Meisterwerke zur Geltung zu bringen.
Besonders gerne halte ich mich bei Botticelli auf. Die Berliner Sammlung von Bildern dieses wunderbaren Malers ist die größte außerhalb von Florenz! Jedes Bild ist so faszinierend!!

Wie schön, dass in den letzten Monaten Botticelli besonders in der Gemäldegalerie gewürdigt wurde - seine Renaissancemalerei, aber auch seine unerhörte Modernität, die dazu führte, dass seine Bilder zu Ikonen der modernen Kunst wurden, z.B. bei Siebdrucken Andy Warhols.

Da war es klar, dass ich gerne wollte, dass die Kinder dieses Ereignis Botticelli in der Kunst auch wahrnehmen sollten, also einfach Bekanntschaft mit ihm machen sollten. Solche Eindrücke bewahren sich ein Leben lang auf, davon kann man ausgehen.




Also gingen wir da hin. Persönlich war ich nicht hineingekommen. Ich kenne ja "meine" Botticellis aus ruhigeren Zeiten. Und dreißig Meter lange Schlangen vor dem Billetschalter treiben mich eher in die Flucht.

Die einfachste Möglichkeit, ihn doch zu sehen, war, uns als Klasse anzumelden: Es war schon nach Weihnachten, als ich beim museumspädagogischen Dienst anrief, bereit zu hören: Alle Führungen für Schulklassen ausgebucht!...aber...welche Freude!!! Dem war nicht so!! Für den 21. Januar bekamen wir einen Termin.

Vorher versuchte ich, den Kindern etwas über die Renaissance zu erzählen, was sie wollte, wogegen sie sich richtete, was sie wiederentdeckte und worauf man sich in der Ausstellung auch gefasst machen muss: Auf die Darstellung von Nacktheit.

Was das in der Kunst bedeutet. Ein bisschen hatten wir es bei AiWeiWei schon kennengelernt. Dort hatte man uns mit einem Foto des völlig nackten Ai konfrontiert und die Führerin arbeitete dies als graphische Darstellung von Verletzlichkeit heraus.
Wir haben ja viele muslimische Schüler, die zum Teil zu Hause  sehr streng religiös leben. 

So war zum Beispiel beim Schwimmunterricht bei einigen Mädchen eine Weigerung dagewesen, mit den anderen nackt unter die Dusche zu gehen, mit dem Hinweis: Meine Mutter hat es mir verboten!

Also auch hier, bei Botticelli und der Renaissance, waren die Griechen ein großes Thema.



Als Pavel ein bisschen Quatsch macht, sagt Frau Rose zu ihm:
"Pavel, Du hast jetzt das erste und wahrscheinlich einzige Mal in Deinem Leben
die unglaubliche Chance, Botticelli zu sehen. Pass also gut auf!"


Wir sind eigentlich immer bei den alten Griechen. Ob es um Mitbestimmung geht, Demokratie, ob es um das Thermometer geht, immer, wirklich fast immer sind es griechische oder lateinische Wurzeln, die den Bedeutungshof von Begriffen in unserer Sprache bestimmen, die zu den Inhalten hinführen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich mal "Griechisch für Philosophen" in der Uni besucht habe und grundsätzlich immer in der Sprache nach den Bedeutungen suche und in der Klasse suchen lasse, in der Hoffnung, dass davon auch etwas "hängen" bleibt.

Dass man schon ganz viel aus den Wörtern herauslesen kann, was einen auf die richtige Spur bringt.
Note to parents: Dass es ganz wichtig ist in diesem Sinne von kultureller Kompetenz, wenigstens das Kleine Latinum zu haben!
Ne, das klingt jetzt ganz altertümlich. Ist aber so.
Schult die Logik und schafft im Alltag und in der Wissenschaft zuverlässig Orientierung.

Warum sollte man nicht wissen, dass Photographie Lichtmalerei heißt?
Oder Biologie die Lehre vom Leben?
Dass im "gymnasion" die Jungen nackt Sport betrieben? Dass eine Schulform danach heißt?
Dass Sophia Weisheit heißt?
Überall steckt das alte Griechenland sprachlich bei uns drin.

Sogar in "Schule", skolé, was "Muße" heißt.
Aber, ach: Au, das tut wieder weh, sich daran in Zeiten der Quantifizierung an diese sprachliche Wurzel von "Schule" zu erinnern.

Dass die Renaissance die Wiederentdeckung der antiken Sinnenfreude war, die Fenster öffnete in den engen dunklen, unbelüfteten Lebensräumen, in die damals die herrschende christliche Religion die Menschen mental einsperrte....

Okay, keine falsche Romantik: Frauen und Sklaven waren ausgeschlossen.

Wenig später, zu Botticellis Alterszeit, herrschte die Kirche in Florenz wieder durch Savonarola, es gab wieder Zensur und die Luft und Licht gebenden Fenster wurden wieder gewaltsam geschlossen.
Auch für Botticelli, der ab da anders malen musste.

arte tv: Botticelli Sehr ansehenswert!!




Die Fotos sind so grottenschlecht, weil in der Ausstellung absolutes Fotoverbot war. Das hat Minna natürlich besonders gereizt, sie musste fortan die Wächter besonders im Auge behalten und hat der Situation doch noch ein paar Bilder abgerungen.

Ätsch!!




Hier empfängt Botticelli die Familie Medici, die ein fertiggestelltes Bild anschauen kommt. Das Bild im Bild ist von Botticelli, das Bild selbst ist von...ähh..weiß nicht mehr.




Als die Klasse spontan die Polonaise macht, kommen wir an diesem Bild vorbei und Johannes fragt: "Ist das die Medusa?"
Sie ist es nicht, aber Frauenhaar und Schlangen lassen schon daran denken. "Woher kennst Du die Medusa?" - "Ich höre immer Kassetten, da sind die griechischen Geschichten drauf, und die Medusa durfte keiner anschauen, sonst erstarrte er zu Stein."

Soo klasse, was er alles weiß!!
Hier ist die Polonaise, die uns zu Andy Warhol führt.



Kleines Gespräch am Rande eines "Flora"-Bildes.





Noemi hat ihr Schreibzeug dabei. Sie schreibt und malt, während wir auf dem Boden sitzen und Frau Müller, die uns alles sehr gut erklärt, zuhören.





Der Eintritt war für alle Kinder und zwei Begleiterinnen frei. Das ist in den Staatlichen Museen für Schulklassen immer so. Die Führung kostete 30 Euro.





Es musste sein, sich den Ausstellungskatalog zuzulegen und in den Klassenbestand zu übernehmen. Das musste einfach sein.
Am nächsten Tag und einige Tage darauf war er sehr umlagert.



Es entstanden auch schon erste Zeichenversuche...

Als wir die Räume der Gemäldegalerie betraten, trennten sich einige Kinder von der Gruppe, um die großen, an den Wänden aufgehängten Tableaus der Dauerausstellung zu betrachten. Sie zeigten großes Interesse, aber wir waren ja sozusagen verabredet.

Da kam bei mir ein leises Bedauern auf, verbunden mit dem Wunsch, interessierten Kindern vielleicht ein Herumstreifen in der Gemäldegalerie zu ermöglichen, wo sie an ihren eigenen Interessenspunkten haltmachen und Fragen stellen oder einfach nur alles gemeinsam anschauen könnten.
Tipp für Eltern übrigens auch.
Einige Kinder wie Johannes waren richtig fasziniert und blieben an den Bildern, die sie gerade passierten, regelrecht "hängen".

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